Botschaften von einem verletzten Planeten
Ich arbeite mit collagierten Plastiken (Assemblagen), die ich auf goldene Schallplatten montiere (30 cm Durchmesser).
Sie beziehen sich auf die „Golden Records“, die im Jahr 1977 ins All, von der NASA, geschickt wurden: Botschaften voller Musik, Bilder und Geschichten über das Leben auf der Erde – ein Versuch, uns selbst zu erklären.
Ich frage mich, wie eine solche Botschaft heute klingen würde. Vielleicht wäre sie widersprüchlicher, brüchiger, weniger strahlend.
Ich sehe eine Welt zwischen Fortschritt und Erschöpfung, zwischen Rauschen und Stille – eine Menschheit, die sich selbst sucht inmitten ihrer eigenen Erzählungen.
Meine Arbeiten sind kleine Antworten auf diese Fragen. Sie entstehen aus Flohmarktartikeln, Kinderspielzeug, Haushaltsresten, Naturfragmenten und Fundstücken – Spuren gelebten Lebens. Daraus wachsen fragile Landschaften, in denen Erinnerung, Verlust und Hoffnung aufeinandertreffen.
Katalogtext
1977 schickt die NASA mit den Raumsonden Voyager zwei goldene Schallplatten ins All: eine Sammlung codierter Bilder, Naturgeräusche, Musikstücke verschiedener Kulturen und vielsprachiger Grußformeln. Als interstellare Botschaft richtet sie sich an mögliche außerirdische Zivilisationen: „We hope someday, having solved the problems we face, to join a community of galactic civilizations.“ Federführend ist ein Team um den Astronomen Carl Sagan. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit ihrer Entdeckung verschwindend gering ist, besitzen die Golden Records eine enorme symbolische Kraft. Zu Beginn des Raumfahrtzeitalters formulieren sie ein akustisch-visuelles Selbstporträt der Menschheit.
Wer sind wir heute? Wie leben wir auf einem zunehmend erschöpften Planeten?
Gosia Hejnat greift die ikonische Geste der NASA auf und überträgt sie in die Gegenwart. Ihre GOLDEN RECORDS beschwören kein harmonisches Weltbild, sondern bringen Dissonanzen und Widersprüche zum Ausdruck. Es sind Momentaufnahmen des Hier und Jetzt: Miniaturwelten aus Fundstücken, Spielzeugfragmenten, Alltagsresten und Naturmaterialien. Jede Arbeit kombiniert eine vergoldete mit einer schwarzen Vinylplatte.
Die unversehrte Goldplatte steht als historische Referenz für beständigen Wert, etwas Kostbares. Die unvergoldete Vinylplatte wird von der Künstlerin in einem aufwendigen Prozess mittels Hitze verformt, so dass jedes Stück einmalig ist. Das derart deformierte Vinyl verweist auf unsere Komplexität, unsere Schattenseiten und Abgründe. Die erstarrten Strukturen erinnern an Lava – ein fernes Echo der verschütteten Stadt Pompeji.
Die Plattenscheibe wird zur Bühne fragiler Konstellationen. Poetische Szenarien entfalten sich zwischen Zerstörung und Hoffnung, Kindheitserinnerungen und Konsumkritik, Intimität und globaler Krise. Auf 30 Zentimetern Durchmesser entsteht ein Spannungsfeld von Ideal und Wirklichkeit: Jede Platte zeigt einen Ausschnitt unseres Lebens auf der Erde jenseits des Repräsentativen.
Die GOLDEN RECORDS erzählen von Fortschritt, Spiel, Erotik, Gewalt, Genuss, Liebe und Verlust. Als feinfühlige und zugleich humorvolle Beobachterin kultureller und gesellschaftspolitischer Strömungen erkundet Gosia Hejnat Sehnsüchte, Abhängigkeiten und Verstrickungen – etwa in „Greifen nach Sternen“, „Memento Mori“, oder „Durst“. In „Es ist genug!“ richten Soldaten mit verstümmelten Armen ihre Waffen auf sich selbst. Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder werden hinterfragt.
Was ist männlich? Was heißt Frausein? Und womit spielen wir als Erwachsene? Hejnat arbeitet in der Tradition der Assemblage, die sich im frühen 20. Jahrhundert aus den experimentellen Impulsen von Kubismus und Dada entwickelt. Charakteristisch ist hier das Spiel mit Vertrautheit und Verfremdung: Zeitungsausschnitte, Tapeten oder Holzmaserungen finden Eingang in die Bildfläche, Alltagsgegenstände erobern die Kunst. Der Schwerpunkt verschiebt sich vom handwerklichen Formen hin zum Auswählen, Anordnen und Bedeutungsaufladen. In den 1950er- und 1960er-Jahren verbinden Nouveau Réalisme und Pop Art diese Technik verstärkt mit gesellschaftskritischen Fragen.
In ihrer Kunst verhandelt Gosia Hejnat Fragen von Identität, Natur und Koexistenz. Ihre Assemblagen entstehen aus gefundenen, gebrauchten und transformierten Materialien. Zerbrochenem Glas, Teelichthüllen oder Spülschwämmen weist sie einen neuen Kontext zu und schenkt ihnen so ein zweites Leben. Auch Moos, Rinde, Algen oder Rosenblätter werden Teil der Kompositionen – mitunter sogar ein komplettes Vogelnest. Manche Arbeiten integrieren Sound-, Licht- oder Bewegungselemente. Jedes Objekt hat seine eigene Geschichte: manche sind bekannt, andere liegen im Dunkeln.
Ein wichtiger Wegbereiter der Assemblage ist der Autodidakt Joseph Cornell. Seine Schattenboxen schaffen einen Bühnenraum auf kleinstem Raum, der von Vögeln, Sternen, Kartenfragmenten oder Himmelsgloben bespielt wird. Auch Hejnats GOLDEN RECORDS eröffnen gerahmte Miniaturwelten. Mit der Zeit und im Umkreisen der Arbeiten von allen Seiten offenbaren sich neue Zusammenhänge und Einsichten. Die Dinge beginnen miteinander zu flüstern – oder zu schreien: leere Batterien mit Miniaturorganen, ein Außerirdischer mit einer Sado-Maso-Göttin oder antike Uhrwerke mit Bonbons.
Heute finden sich menschliche Spuren in den Tiefen der Ozeane, auf Berggipfeln, in der Arktis und im Weltraum. Kaum ein Ort bleibt von uns unberührt. Hejnats künstlerische Praxis versteht sich als fortlaufende Erkundung des Status quo. Sammeln, Ordnen und Kombinieren sind wiederkehrende Gesten. Sie komponiert, montiert, schichtet und stiftet neue Relationen. Heißkleberspuren, Bruchkanten und Abnutzungen bleiben sichtbar und werden Teil ihrer Ästhetik – ein akrobatisches Spiel mit Gravitation und Balance.
Affe, Känguru oder Schwein mit Brüsten: Spielzeugtiere und -figuren erscheinen als Stellvertreter menschlicher Rollenbilder und Verhaltensmuster: In „Escape“ entsteigen Tiere Plastikverschlüssen und fliehen aus der Enge ins Offene. In „White Wedding“ zieht Spiderman ein Zitronennetz über einen High Heel-Berg. Was hat das zu bedeuten? Nichts ist eindeutig, nichts festgeschrieben. Die Künstlerin liebt doppelte Böden und Andeutungen: Eine Schlange küsst einen gekrönten Schwan oder erwürgt sie ihn?
Handle with care: Die GOLDEN RECORDS sind zerbrechlich wie wir. Die gezeigten Szenen bleiben bewusst brüchig, sichtbar montiert. Zwischen Konstruktion und Zerfall liegt nur eine dünne Membran. Die japanische Technik Kintsugi, wörtlich übersetzt Goldreparatur, hebt Risse mit Goldlack hervor, statt sie zu verbergen. Bruchstellen werden so zu Zeichen von Würde und Unverwechselbarkeit. In diesem Sinne stehen Hejnats Arbeiten auch für die Wertschätzung des Unvollkommenen.
Indem Gosia Hejnat scheinbar Banales, Alltägliches und Weggeworfenes in einen auratischen Zusammenhang hebt, schafft sie visuelle Erinnerungsspeicher und fragile Archive. GOLDEN RECORDS ist nicht nur eine Hommage an das NASA-Projekt, sondern eine künstlerische Reflexion über Wert und Vergänglichkeit.
Text: Gesine Last
Catalog text
In 1977, NASA sent two golden records into space aboard the Voyager spacecraft. They contain a collection of encoded images, natural sounds, pieces of music from different cultures, and greetings in various languages. As an interstellar message, they are addressed to possible extraterrestrial civilizations: “We hope someday, having solved the problems we face, to join a community of galactic civilizations.” The project was led by a team headed by the astronomer Carl Sagan. Even though the probability of the records ever being discovered is extremely small, the Golden Records possess enormous symbolic power. At the dawn of the space age, they formulate an audiovisual self-portrait of humanity.
Who are we today? How do we inhabit an increasingly exhausted planet?
Gosia Hejnat takes up the iconic gesture of NASA and brings it into the present. Her GOLDEN RECORDS do not conjure a harmonious worldview, but rather express dissonance and contradictions. They are snapshots of the present moment: miniature worlds assembled from found objects, fragments of toys, traces of everyday life, and natural materials.
Each work combines a gilded record with a black vinyl record. The intact gold record serves as a historical reference to enduring value – something precious. The uncoated vinyl record is reshaped by the artist through an elaborate process using heat, making each piece unique. The deformed vinyl points to our complexity, our shadow sides and abysses. The solidified structures evoke lava – a distant echo of the buried city of Pompeii.
The record becomes a stage for fragile constellations. Poetic scenarios unfold between destruction and hope, childhood memories and a critique of consumerism, intimacy and global crisis. Within a diameter of thirty centimeters, a field of tension emerges between ideal and reality: each record reveals a fragment of our lives on Earth beyond anything merely representative. The GOLDEN RECORDS speak of progress, play, eroticism, violence, pleasure, love, and loss.
As a sensitive yet humorous observer of cultural and socio-political currents, Gosia Hejnat explores longings, dependencies, and entanglements – for example in works such as Reaching for „the Stars“, „Memento Mori“, or „Thirst“. In „It Is Enough!“, soldiers with mutilated arms turn their weapons upon themselves. Images of masculinity and femininity are called into question. What is masculine? What does it mean to be a woman? And what do we play with as adults?
Hejnat works within the tradition of assemblage, which emerged in the early twentieth century from the experimental impulses of Cubism and Dada. Characteristic of this approach is the interplay of familiarity and estrangement: newspaper clippings, wallpaper, or wood grains enter the pictorial surface, and everyday objects claim their place in art. The emphasis shifts from manual shaping toward selecting, arranging, and charging objects with meaning. In the 1950s and 1960s, movements such as Nouveau Réalisme and Pop Art connected this technique with questions of social critique.
In her work, Hejnat negotiates questions of identity, nature, and coexistence. Her assemblages are created from found, used, and transformed materials. Broken glass, tea-light holders, or dishwashing sponges are assigned a new context and thus granted a second life. Moss, bark, algae, or rose petals also become part of the compositions – sometimes even an entire bird’s nest. Some works integrate sound, light, or elements of movement. Every object carries its own story: some are known, others remain in the dark.
An important pioneer of assemblage was the self-taught artist Joseph Cornell. His shadow boxes create theatrical spaces on a miniature scale, animated by birds, stars, fragments of maps, or celestial globes. Hejnat’s GOLDEN RECORDS likewise open up framed miniature worlds. Over time, and by circling the works from different perspectives, new connections and insights emerge. Objects begin to whisper to one another – or to scream: empty batteries paired with miniature organs, an extraterrestrial beside a sadomasochistic goddess, or antique clockworks with candies.
Today, traces of humanity can be found in the depths of the oceans, on mountain peaks, in the Arctic, and in outer space. Hardly any place remains untouched by us. Hejnat’s artistic practice can be understood as an ongoing exploration of the status quo. Collecting, ordering, and combining are recurring gestures. She composes, assembles, layers, and establishes new relations. Traces of hot glue, fractures, and signs of wear remain visible and become part of her aesthetic – an acrobatic play with gravity and balance.
A monkey, a kangaroo, or a pig with breasts: toy animals and figurines appear as stand-ins for human role models and patterns of behavior. In Escape, animals emerge from plastic bottle caps and flee from confinement into open space. In White Wedding, Spiderman stretches a lemon net over a high-heel mountain. What does this mean? Nothing is certain, nothing fixed. The artist delights in double meanings and hints: a snake kisses a crowned swan – or is it strangling it?
Handle with care: the GOLDEN RECORDS are fragile like us. The scenes presented remain deliberately precarious, visibly assembled. Between construction and collapse lies only a thin membrane. The Japanese technique Kintsugi – literally “golden repair” – highlights cracks with gold lacquer instead of concealing them. Fractures thus become signs of dignity and uniqueness. In this sense, Hejnat’s works also stand for an appreciation of the imperfect.
By elevating the seemingly banal, everyday, and discarded into an auratic context, Gosia Hejnat creates visual memory reservoirs and fragile archives. GOLDEN RECORDS is not only a homage to NASA’s project, but also an artistic reflection on value and transience.
Text: Gesine Last
Stop Motion Film für 48 Stunden Neukölln Festival in Berlin